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Entwick­lung der Rech­nungs­legung am deut­schen Kapital­markt von 1997 bis 2020

Im Folgenden wird die Entwicklung der prozentualen Anzahl von IFRS bilanzierenden Unternehmen am deutschen Kapitalmarkt – in DAX, MDAX, SDAX und TecDAX – in der Zeit von 1997 bis 2020 dargestellt. Wenig überraschend ist aufgrund von europarechtlichen Vorgaben die Tatsache, dass spätestens seit dem Jahr 2005 die überwiegende Mehrheit der bezeichneten Unternehmen nach IFRS bilanziert. Die IFRS sind bis heute die Sprache am Kapitalmarkt und prägen damit die Rechnungslegungslandschaft.

I. Internationale Rechnungslegung

Für Unternehmen bieten die Rechnungslegung und die damit verbundene Abbildung von Geschäftsvorfällen und Sachverhalten den (Referenz-)Rahmen zur Darstellung und Vermittlung eines zutreffenden Bildes der Unternehmens- bzw. Konzernlage. Auf EU-Ebene sind sämtliche kapitalmarktorientierten Unternehmen aufgrund der Verordnung 1606/2002 seit dem Jahr 2005 verpflichtet, ihre (Konzern-)Rechnungslegung auf der Grundlage der in EU-Recht übernommenen IFRS zu erstellen. Ausnahmen von der Anwendung der IFRS erlaubt die Verordnung kaum. In Deutschland gelten Unternehmen als kapitalmarktorientiert im Sinne des HGB, wenn sie am sogenannten „Regulierten Markt“ gelistet sind. Unternehmen, die im „Open Market“ (ehemals Freiverkehr) gelistet sind, zählen nicht zu den kapitalmarktorientierten Unternehmen. Mangels Kapitalmarktorientierung sind Unternehmer des Open Market gesetzlich nicht verpflichtet, Abschlüsse nach IFRS aufzustellen.

II. Verlauf der IFRS in Deutschland seit 1997

Das Aufkommen der IFRS und die damit einhergehende Internationalisierung der Rechnungslegung lassen sich in verschiedene Phasen einteilen. Zunächst gab es ein zaghaftes Interesse für eine internationale Rechnungslegung in der deutschen Wirtschaft. In diesem Zusammenhang wird der Eintritt der Daimler-Benz AG im Jahr 1993 in den US-Kapitalmarkt in Form eines Listings oftmals als Ausgangspunkt für die sich anschließende Internationalisierung der Rechnungslegung genannt. Die Daimler-Benz AG war durch das Listing gezwungen, Abschlüsse nach US-amerikanischen Bilanzierungsnormen (sogenannte US-GAAP) aufzustellen. Im gleichen Jahr publizierte zudem die Puma AG erstmals ihren Konzernabschluss auf Grundlage der Normen der damaligen IAS. Während die IFRS-Rechnungslegung anfangs aber nur freiwillig oder aufgrund der Erwartungen von internationalen Investoren erfolgte, änderte sich dies 1997. In 1997 schuf die Deutsche Börse AG erstmals für Unternehmen, die ein bestimmtes Börsensegment in Anspruch nahmen, Vorschriften, die die Anwendung internationaler Rechnungslegungsnormen vorsahen. Zunächst galten diese Vorschriften ab dem Jahr 1997 für Unternehmen des Neuen Markts. Zeitlich nachgelagert folgten mehrere Änderungen des privatrechtlichen Regelwerks sowie eine Erweiterung der Anwendungspflicht für zusätzliche Börsensegmente. Das Jahr 1997 kann aufgrund der erstmaligen Öffnung der Deutsche Börse AG gegenüber international anerkannten Bilanzierungsstandards als Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung dienen. Den nationalen Vorgaben folgten dann die Bestrebungen der EU bis heute, sodass die IFRS seit Jahren die dominierende Rechnungslegungssprache am deutschen und europäischen Kapitalmarkt darstellen.

III. Untersuchungsdesign und Rechnungslegung

Die nachfolgende Untersuchung der Rechnungslegungspraxis am Kapitalmarkt in Deutschland bezieht sich ausschließlich auf die in den Auswahlindizes des Prime Standard der Deutsche Börse AG enthaltenen Unternehmen (DAX, MDAX, SDAX und TecDAX respektive der entsprechenden Vorgängerindizes). Der Beobachtungszeitraum beginnt mit dem (Berichts-)Jahr 1997 und endet mit dem Berichtsjahr 2020. Unternehmen folgender Sektoren sind in die Grundgesamtheit nicht eingeflossen: Banks, Insurer und Financial Services.

Über den Betrachtungszeitraum liegt damit den empirischen Befunden die Auswertung von mehr als 3.500 Konzernabschlüssen zugrunde.

Im Beobachtungszeitraum war die Indexzusammensetzung naturgemäß immer wieder mal Gegenstand von regulatorischen Maßnahmen. Beispielsweise wurde aktuell unter anderem die Anzahl an Unternehmen, die in den einzelnen Segmenten notiert sein dürfen, geändert,
(vgl. https://www.kleeberg.de/advisory/dax-40-waechst-ab-september-2021-auf-40-werte-an/).

Die jährliche Grundgesamtheit der hier untersuchten Abschlüsse war daher im Zeitablauf nicht konstant. Im Hinblick auf die Zusammenführung der empirisch erhobenen Daten musste daher teilweise eine Gewichtung der prozentualen Anwendungshäufigkeit erfolgen. Zur Egalisierung der Verschiebungen der Unternehmenszahl innerhalb der jeweiligen Segmente und damit zur Sicherstellung der Gleichgewichtung wurde ein derivatives Untersuchungssample entwickelt. Folgende Tabelle zeigt den Verlauf der verwendeten Rechnungslegungsnorm von kapitalmarktorientierten Unternehmen in der Zeit von 1997 bis 2020.

IV. Untersuchungsergebnisse

Es ist zu erkennen, dass im Jahr 1997 rd. ¾ aller kapitalmarktorientierter Unternehmen einen handelsrechtlichen Abschluss aufgestellt haben. Das restliche Viertel an Unternehmen hat sich im Großen und Ganzen hälftig an den IFRS und den US-GAAP orientiert. Bis zum Jahr 2002 hat sich die Anzahl von Unternehmen, die einen US-GAAP aufstellen, kontinuierlich auf ein Maximum von rd. 37 % erhöht. In den Folgejahren nahm der Anteil an US-GAAP bilanzierenden Unternehmen kontinuierlich ab und bewegt sich seit dem Jahr 2010 zwischen rd. 1 % bis 2 %. Ursächlich für die beobachtete zwischenzeitliche Popularität US-amerikanischer Bilanzierungsstandards war unter anderem die Tatsache, dass sich vermehrt Unternehmen für eine zusätzliche Notierung in den USA – also neben der Notierung in Deutschland – entschieden haben (sogenannte Dual Listing). Besagte Unternehmen waren daher aufgrund US-amerikanischen Rechts gezwungen, einen US-GAAP Abschluss aufzustellen.

Seit dem Jahr 2002 sind zwei wesentlich Effekte zu benennen, die zum Rückgang der Anwendung der US-GAAP beigetragen haben. Zum einen sahen immer mehr Unternehmen von einer Notierung in den USA ab und haben alternative und kostengünstigere Zugangswege zum US-Kapitalmarkt gewählt, beispielsweise in der Form von ADR-Papieren oder in Form einer Privatplatzierung (private placement).

Zum anderen sehen die europarechtlichen Vorgaben für Kapitalmarktzwecke zwingend eine Berichterstattung nach IFRS vor.

Im Jahr 2020 hat lediglich ein Unternehmen aus der hier untersuchten Grundgesamtheit nach US-GAAP bilanziert. Es handelt sich um das Unternehmen QIAGEN N.V. Zusammenfassend lässt sich aufgrund der gewonnenen Daten zweifelsfrei konstatieren, dass amerikanische Bilanzierungsstandards für Unternehmen des deutschen Kapitalmarktes nicht die Regelkommunikation darstellen. Vielmehr dominieren seit Jahren unverändert die IFRS die Sprache am nationalen und europäischen Kapitalmarkt.

Ähnlich bedeutungslos wie amerikanische Bilanzierungsstandards sind hinsichtlich der Regelkommunikation mit und an dem Kapitalmarkt die bilanziellen Vorschriften des Handelsgesetzbuches geworden. Seit dem Jahr 2006 – also seit 15 Jahren – veröffentlicht kein einziges kapitalmarktorientiertes Unternehmen – auch nicht auf freiwilliger Basis – bilanzielle Informationen für den Kapitalmarkt in Einklang mit dem Handelsgesetzbuch bezogen auf seinen Konzernabschluss. Dagegen vergrößert sich seit dem Jahr 2001 kontinuierlich der Anwenderkreis der IFRS bei kapitalmarktorientierten Unternehmen. Wobei insbesondere zu erkennen ist, dass zwischen dem Jahr der Verabschiedung der supranationalen Rechtsgrundlage (2002) und dem Jahr der gesetzlich vorgegebenen Erstanwendung (2005) der Anteil besonders stark zugenommen hat. Der Anteil stieg von 43,5 % im Jahr 2002 auf 88,4 % im Jahr 2005. Seit dem Jahr 2009 – also seit mehr als zehn Jahren – bilanzieren mindestens 97,9 % der im Raum stehenden Unternehmen nach IFRS.

Nicht unerwähnt darf an dieser Stelle bleiben, dass zusätzlich zur Kapitalmarktkommunikation und den Daten des Konzernabschlusses regelmäßig ein (einzelgesellschaftlicher) Jahresabschluss nach handelsrechtlichen Normen obligatorisch aufzustellen ist. Ursächlich hierfür sind primär zwei Punkte: Zum einen ist die Basis einer möglichen Gewinnausschüttung an die Anteilseigener der nach handelsrechtlichen Vorschriften ermittelte Gewinn. Zum anderen ist der nach handelsrechtlichen Vorschriften ermittelte Gewinn die Ausgangsbasis für die Besteuerung. Dagegen besitzt der nach IFRS ermittelte Gewinn ausschließlich informativen Charakter.

Als weiteres Zwischenergebnis lässt sich festhalten, dass dem Kapitalmarkt eine HGB-konforme Darstellung von Geschäftsvorfällen auf konsolidierter Ebene fremd ist. Die Darstellung von Geschäftsvorfällen am Kapitalmarkt und auf Ebene des Konzernabschlusses erfolgt ausschließlich nach alternativen, internationalen Rechnungslegungsnormen.

V. Ausblick

Insgesamt erscheinen zwei Aspekte zum Abschluss der Erhebung von besonderem Interesse. Aus dem Verlauf der verwendeten Rechnungslegung nicht unmittelbar zu erkennen, dennoch von immenser Tragweite, ist Folgendes: Seit Jahren versuchen die relevanten Institutionen nach eigener Aussage eine Annäherung (im besten Fall sogar eine Adaption) zwischen den in Kapitalmärkten Europas vorherrschenden IFRS und den US-GAAP zu erreichen. In absehbarer Zeit ist eine – von den meisten Beteiligten (u.a. Emittenten, Investoren und Aufsichtsbehörden) auf den ersten Blick sicherlich vom Grundsatz wünschenswerte – weitergehende Annäherung zwischen den Bilanzierungsnormen nicht zu erwarten. Ob in letzter Konsequenz überhaupt die Schaffung von sogenannten WW-GAAP (world wide generally accepted accounting principles) – also die Schaffung von weltweit einheitlichen Bilanzierungsgrundsätzen – ertragreich ist oder ob potenzielle Nachteile etwaige Vorteile überwiegen, kann momentan nicht abgeschätzt werden.

Neben dem oben genannten Aspekt ist zu erkennen, dass außerhalb des Kapitalmarktes international verbreitete Bilanzierungsstandards wie die IFRS in der Darstellung von Geschäftsvorfällen eine untergeordnete Rolle spielen. Von sämtlichen Rechtskonstruktionen, die in Deutschland potenziell bilanzierungspflichtig sind, ist nur ein extrem geringer Teil der Unternehmen verpflichtet, nach IFRS oder einer sonstigen gebietsfremden Rechnungslegungsnorm zu bilanzieren. In Zahlen ausgedrückt: Im Jahr 2020 existierten in Deutschland mehr als 16 Millionen potenziell bilanzierungspflichtige Rechtskonstruktionen (vgl. stellvertretend Kornblum, GmbHR, 2021, S. 682). Dagegen waren in Deutschland im Jahr 2020 lediglich rd. 900 Unternehmen börsennotiert. Schätzungsweise 500 dieser börsennotierten bzw. kapitalmarktorientierten Unternehmen weisen hierbei Konzernstrukturen auf. Für eine überschlägige und in diesem Zusammenhang sicherlich ausreichend genaue Approximation setzen wir aus Vereinfachungsgründen Börsennotierung und Kapitalmarktorientierung gleich. Der Anteil von IFRS Bilanzierenden beträgt bei den genannten Prämissen rd. 0,003 %. Ein grundsätzlich anderes Ergebnis hinsichtlich der Anwendung von IFRS ist auch nicht zu erwarten, sofern die freiwilligen IFRS-Bilanzierenden mit einbezogen werden.

Abschließend lässt sich die Entwicklung wie folgt zusammenfassen: Auf der einen Seite stellen die IFRS die Kapitalmarktsprache schlechthin dar. Andererseits spielen in Deutschland abseits des Kapitalmarktes – und dieser Teil stellt weit mehr als 99,9 % aller bilanzierungspflichtigen Rechtssubjekte dar – die IFRS (wenn überhaupt) lediglich eine Randrolle. Ob, in welche Richtung und in welchem Zeitraum hier eine Anpassung zwischen den Rechnungslegungsnormen erfolgt, bleibt mit Spannung abzuwarten.

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