Die ESMA kritisiert eine vorläufige Auslegung des IFRS Interpretations Committee, wonach auch hypothetische Erträge und Aufwendungen Bestandteil von Management Performance Measures (MPMs) sein können. Aus Sicht der Aufsichtsbehörde drohen dadurch Transparenzverluste und eine Verwässerung grundlegender IFRS-Prinzipien bei der Darstellung der Unternehmensleistung.
Am 08.09.2026 veröffentlichte die ESMA einen Comment Letter zu der vorläufigen Agenda-Entscheidung „Management-defined Performance Measures-Hypothetical Income and Expenses“ des IFRS Interpretations Committee. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob vom Management definierte Erfolgskennzahlen (MPMs) auch hypothetische, also nicht tatsächlich realisierte Erträge oder Aufwendungen enthalten dürfen und unter welchen Voraussetzungen solche Kennzahlen nach IFRS 18 als zulässige MPMs einzustufen sind.
Management Performance Measures als neues Kernelement von IFRS 18
Mit IFRS 18 „Presentation and Disclosure in Financial Statements“ wurden erstmals detaillierte Vorgaben für sogenannte Management Performance Measures (MPMs) eingeführt. Dabei handelt es sich um vom Management verwendete Erfolgskennzahlen, mit denen die Unternehmensleistung bestimmte Aspekte der finanziellen Leistung eines Unternehmens gegenüber Investoren und anderen Abschlussadressaten erläutert. Ziel der neuen Regelungen ist es, die Transparenz und Vergleichbarkeit solcher Kennzahlen zu erhöhen, indem ihre Berechnung, Aussagekraft und Überleitung auf die jeweiligen IFRS-Ergebnisgrößen offengelegt werden. Vor diesem Hintergrund gewinnt die aktuelle Diskussion über die Einbeziehung hypothetischer Erträge und Aufwendungen in MPMs besondere Bedeutung.
ESMA äußert Bedenken hinsichtlich hypothetischer Größen
Nach der Veröffentlichung eines Comment Letters durch die ESMA steht die vorläufige Agenda-Entscheidung des IFRS Committee zu hypothetischen Erträgen und Aufwendungen in MPMs im Fokus der fachlichen Diskussion. Während das IFRS IC die Auffassung vertritt, dass solche Kennzahlen unter bestimmten Voraussetzungen die Sicht des Managements auf die Ertragslage eines Unternehmens vermitteln können und damit grundsätzlich als MPMs nach IFRS 18 in Betracht kommen, äußert die ESMA erhebliche Bedenken.
Insbesondere stellt die europäische Aufsichtsbehörde infrage, ob Kennzahlen, die auf nicht tatsächlich realisierten Transaktionen oder Ereignissen beruhen, mit den Grundprinzipien einer getreuen und neutralen Darstellung von Finanzinformationen vereinbar sind. Nach Auffassung der ESMA könnte die vorläufige Agenda-Entscheidung zu einer Verwässerung der Berichterstattungsqualität führen. Eine häufigere Verwendung von Erfolgskennzahlen mit hypothetischen Erträgen oder Aufwendungen könnte den Eindruck entstehen lassen, dass nahezu beliebige Kennzahlen für die externe Finanzkommunikation zulässig sind.
Auswirkungen auf die Anwendung von IFRS 18
Die unterschiedlichen Auffassungen von ESMA und dem IFRS Interpretations Committee verdeutlichen, dass die Auslegung der neuen Vorschriften zu MPMs weiterhin mit Unsicherheiten verbunden ist. Für Unternehmen stellt sich insbesondere die Frage, in welchem Umfang unternehmensspezifische Erfolgskennzahlen künftig verwendet werden können, ohne die Anforderungen an eine transparente und nachvollziehbare Berichterstattung zu beeinträchtigen. Die weitere Entwicklung der Diskussion dürfte daher nicht nur für Abschlussersteller, sondern auch für Prüfer und Aufsichtsbehörden von erheblicher Bedeutung sein. Insbesondere Unternehmen, die in ihrer Finanzkommunikation auf alternative Leistungskennzahlen zurückgreifen, sollten die finalen Entscheidungen und möglichen Klarstellungen aufmerksam verfolgen.
Unterschiedliche Sichtweisen auf die Aussagekraft von MPMs
Im Kern der Diskussion steht die Frage, welche Informationen eine Management Performance Measure (MPM) enthalten darf, um ein zutreffendes Bild der finanziellen Leistung eines Unternehmens zu vermitteln. Während das IFRS Interpretations Committee die Auffassung vertritt, dass unter bestimmten Voraussetzungen auch hypothetische Erträge oder Aufwendungen Bestandteil einer MPM sein können, bewertet die ESMA diese Auslegung deutlich kritischer. Nach Ansicht der europäischen Aufsichtsbehörde besteht die Gefahr, dass Kennzahlen, die auf nicht tatsächlich eingetretenen Transaktionen oder Ereignissen beruhen, die wirtschaftliche Realität eines Unternehmens nicht sachgerecht abbilden. Aus diesem Grund fordert die ESMA eine stärkere Berücksichtigung der im IFRS-Conceptual-Framework verankerten Grundsätze, insbesondere der getreuen Darstellung und der Neutralität von Finanzinformationen. Die Kontroverse verdeutlicht, dass die Grenzen zulässiger Managementkennzahlen unter IFRS 18 weiterhin Gegenstand fachlicher Diskussionen sind.
Fazit und Ausblick
Die Stellungnahme der ESMA zeigt, dass bei der Anwendung der neuen MPM-Vorschriften nach IFRS 18 „Presentation and Disclosure in Financial Statements“ noch zahlreiche Auslegungsfragen aufkommen. Insbesondere die mögliche Berücksichtigung hypothetischer Erträge und Aufwendungen wirft die grundsätzliche Frage auf, wie weit die unternehmensindividuelle Sicht des Managements reichen darf, ohne die Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Finanzberichterstattung zu beeinträchtigen. Unabhängig vom Ausgang der Diskussion macht die Stellungnahme der ESMA deutlich, dass die Anforderungen an die Transparenz und Aussagekraft von MPMs künftig verstärkt in den Fokus von Standardsetzern, Aufsichtsbehörden und Unternehmen rücken werden.